6. Platz bei der Int. Deutsche Meisterschaft Offshore Seesegeln
Alle Jahre wieder startet die Segelsaison mit der Nordseewoche auf Helgoland. Doch dieses Jahr stand alles im Schatten des Wettkampfes Haspa Hamburg vs. Störtebeker in drei Akten. Doch ganz von Anfang an.
Akt I
Schon im Frühling hat Seb seine Crew für die Nordseewoche zusammengestellt und die Vorfreude begann. Nach langer Wartezeit und schlaflosen Nächten, geprägt durch pure Vorfreude, hat die Nordseewoche am Freitag endlich begonnen.
Doch bevor sie begonnen hat, wäre sie auch fast schon wieder vorbei gewesen… unser Skipper hängt in der Bahn fest. Von Hamburg nach Harburg; nichts geht mehr und dann noch umsteigen nach Cuxhaven.
Nach zwei Stunden endlich die Erlösung: Der Zug kommt in Harburg an. Schnell in den Zug nach Cuxhaven und unseren Skipper haben wir sicher an Bord.
Wenn da nicht der fehlende Navigator wäre. Wo ist der eigentlich? Kurze Nachfrage bei Lorenz, stellt sich heraus: DB Navigation klappt bei ihm nicht so gut. Na, das kann ja auf dem Wasser nur besser werden.
Naja, die Crew lässt sich davon nicht abhalten und bringt die Haspa in einen super Regatta-Zustand. Tourensegel raus, Regattasegel rein und hoffen, dass alle Segel der Haspa Hamburg und Störtebeker in den HVS-Bus passen.
Ein Glück, es passt, auch wenn außer dem Fahrersitz alles bis unter das Dach belegt ist.
Zurück zu unserem Navigator: Hat der es endlich geschafft? Ja, es kommt die frohe Botschaft: Der Navigator ist in Cuxhaven angekommen, die Crew ist vollständig und die Nordseewoche kann starten.
Starten?
Wäre da nicht der Wind … welcher Wind? Ja genau, das ist das Problem. Der Wind bleibt erstmal aus, doch das hält uns nicht davon ab, rauszufahren und uns ein wenig einzusegeln.
Startverschiebung ist oben, also Zeit genug, um alles für den Start vorzubereiten… sollte man meinen. Nach einer halben Stunde Warten endlich die Mitteilung der Wettfahrtleitung: AP geht runter, Start in 15 Minuten.
Der perfekte Zeitpunkt, dass Okke auf die Idee kommt, ein gefurlter A0 wäre doch super. Geschuldet der Zeit: keine Diskussion. A0 hoch, furlen und ab zum Start.
Das Vordeck um Paula schaut verwundert über diesen Call, doch Zeit zum Diskutieren ist nicht. Der A0 geht hoch und soll gefurlt werden.
Noch vier Minuten bis zum Start. Wo ist die Haspa Hamburg eigentlich?
Natürlich läuft nicht alles rund und die Haspa Hamburg fährt noch mit A0 oben von der Startlinie weg. Jetzt aber schnell. Endlich klappt es, der A0 wird gefurlt, die Haspa Hamburg gedreht und ab zum Start.
Jetzt ist Bosse als Taktiker gefragt, die rote Lady in eine gute Position zu manövrieren. Doch hat er dafür noch genug Zeit?
Bosse gibt nur einen Call: „Trimm auf 100 % und ab an die Linie.“
Die Haspa wird in eine gute Position gestellt und erreicht die Startlinie 20 Sekunden zu spät ☹
Alle sind etwas gefrustet, da die Annahme herrscht, die rote Lady sei bei wenig Wind sehr langsam. Okke und Freddi machen am Trimm alles möglich, Seb steuert durch das Feld und plötzlich schauen sich alle an:
Ist das die Störtebeker in Luv von uns, die wir jetzt überholen?!
Nach einmal Augenreiben und Kneifen des Skippers ist klar: Ja, sie ist es.
Ist aus der roten Lady eine rote Rakete geworden?
Diese Frage prägt die weitere Nordseewoche.
Im Ziel der Early-Bird-Wettfahrt müssen wir uns mit ca. 30 Sekunden berechnet hinter der Störtebeker geschlagen geben. Doch alle wissen: Es kommen noch zwei Rennen.
Die Crew hat Blut geleckt und fragt sich: Können wir die Störtebeker schlagen?
Auf Helgoland angekommen wird die rote Rakete schnell vertaut, ein Welcome Drink getrunken und ab in die Rohrkoje.
Akt II
Am Samstag erwartet uns ein ruhiger Tag. Wir frühstücken gemütlich und fahren für ein paar Stunden raus zum Trainieren.
Abends geht’s noch flott in die Nordseehalle und dann ab in die Falle, denn Sonntag steht Rund Helgoland an.
Der Wecker klingelt früh am Sonntag, denn der Start ist bereits um 9:30 Uhr. Also raus aus den Federn, schnelles Frühstück im Cockpit, Kleingeld sammeln für das Waschhaus und raus auf die Nordsee.
Die Nordsee empfängt uns an diesem Tag mit strahlend blauem Himmel, keiner Welle und 10 Knoten Wind.
Sind wir im Mittelmeer?, fragen wir uns.
Über Funk sagt die Wettfahrtleitung: Noch fünf Minuten bis zum Start. Gedanken an das Mittelmeer beiseite.
Jetzt wird aus der roten Lady wieder die rote Rakete.
Seb und Bosse manövrieren die Haspa Hamburg in eine gute Position und ab geht’s zur Luvtonne. Da geht der A2 hoch und es geht an Helgoland vorbei.
Nach einem kleinen Luv-Battle mit der Aquis Granus ziehen wir in Lee vorbei und jagen das führende Feld.
Angeregter Austausch zwischen Lorenz und Freddi und Unklarheiten über die nächste Halse prägen diesen Downwind. Lorenz behält recht, der Wind dreht gut und wir halsen auf die Layline der nächsten Tonne.
Angekommen im Drei-Längen-Kreis, ein Call von hinten:
„Wir machen einen Kiwi Drop.“
Die J1.5 kommt hoch und rum geht’s um die Tonne. Der A2 fällt wie in Abrahams Schoß in die Jib, kommt runter und die lange Kreuz an Helgoland geht los.
Und was sehen wir da direkt vor unserem Bug?
Ist das etwa die Störtebeker?
Kurzes Augenreiben später ist klar: Sie ist es.
Wir schauen uns an, erinnern uns an Freitag und lassen die rote Rakete fliegen.
Angekommen an der nächsten Tonne finden wir uns wieder in einem engen Kopf-an-Kopf-Rennen: Die Haspa in Lee voraus, die Störtebeker auf Höhe der Wanten in Luv.
Oh Gott, ist das spannend.
Lorenz hat die Zahlen im Blick, seine Apple Watch versucht ihm mitzuteilen, dass er sein Stresslevel senken muss, doch nicht jetzt!
Jeder Dreher wird gesucht und mitgeteilt. Seb ist nicht mehr nur Steuermann, er ist Red-Lady-Pilot. Er zündet den Antrieb und fährt in Lee raus.
Die Störtebeker wendet weg.
Lorenz’ Apple Watch ist wieder zufrieden.
Wir schauen uns alle an, grinsen und sind begeistert von diesem spannenden Manöver.
Aus einer Ecke hört man: „Das ist die spannendste Regatta auf Yachten, die ich je gesegelt bin.“
Zustimmendes Nicken geht über das Boot.
Nach einer guten Kreuz finden wir uns an der letzten Tonne vor dem Ziel wieder. Nur noch ein Downwind bis zum Ziel, durch das Fahrwasser zwischen der Düne und Helgoland durch.
A2 gesetzt und eine Push-Nachricht an Lorenz’ Arm:
„Bitte senken Sie Ihr Stresslevel.“
Was ist denn nun schon wieder los?
Ein Blick nach hinten verrät es: Die Störtebeker segelt mit ihrem A2 nur 50 Meter hinter uns.
Was nun folgte, war Jollensegeln auf Yachten. Nur der Blick auf den Gegner, jede Halse wird mitgegangen.
Kurz vor Lürssens neuestem Schmuckstück, welches genau zwischen Helgoland und der Düne ankert, trennt sich die Strategie. Die Haspa Hamburg in Lee davon, die Störtebeker in Luv.
Noch 500 Meter bis zum Ziel, jetzt entscheidet es sich.
Zwei Halsen weiter und wir finden uns wieder dicht nebeneinander, mit Helgoland in Sprungweite. Die Störtebeker muss halsen, das Land kommt zu nah. Die Haspa ist in Lee.
Rum geht die Störtebeker, zieht hoch und schafft es knapp am Heck der Haspa vorbei.
50 Meter weiter und auch die Haspa muss halsen, das Land kommt zu nah. Gleiche Situation auf der anderen Kursseite: Die Störtebeker halst, wir müssen drauf halsen.
Doch dann, ein Blick nach Lee und wir müssen uns geschlagen geben: Die Störtebeker fährt unter uns durch.
Noch 200 Meter fahren wir hintereinander her bis zum Ziel.
Etwas Ernüchterung, dass wir unseren Platz so kurz vor dem Ziel verloren haben, trifft auf pure Freude: Wir haben es geschafft, wir haben die Störtebeker berechnet geschlagen.
Sie ist wirklich eine rote Rakete.
Akt III
Die Haspa Hamburg (rote Rakete) muss zurück in die Ostsee.
Kurze Frage in die Runde: „Hat jemand Lust auf NOK?“
Die Antwort kommt wie aus der Kanone geschossen: „NEIN!“
Also muss eine andere Alternative her. Wie praktisch, dass die Nordseewoche auch eine Regatta nach Kiel anbietet. Sie schmückt sich mit dem schönen Namen „Pantaenius Rund Skagen“.
Mangels Alternativen ist die Entscheidung gefallen: Wir segeln Rund Skagen.
Mit dröhnender Musik aus den Boxen legt die Haspa Hamburg ab. Einen kleinen Tanz auf dem Vordeck und eine Präsentation der Sicherheitsausrüstung später finden wir uns an der Startlinie wieder.
Bosse und Seb bringen die rote Lady in eine super Startposition und nun ist es an den Trimmern und dem Navigator, daraus etwas zu machen.
Nach einer kurzen Situation an der ersten Tonne mit der Pure - die unterwenden lieber nochmal in den Wettfahrtregeln nachlesen sollte - finden wir uns an dritter Stelle auf dem Weg nach Skagen wieder.
Der A2 ist oben, vor uns die Rafale und die Eldia.
Moment, fehlt da nicht ein Name?
Wir schauen uns um und stellen fest: Da fehlt kein Name. Die rote Rakete hat es wieder getan und die Störtebeker hinter sich gelassen.
Zu diesem Zeitpunkt ist Lorenz’ Apple Watch schon ausgestiegen: zu viel Stress.
Bei traumhaften 10 Knoten geht es mit dem A2 in Richtung Skagen.
Nach gut vier Stunden müssen wir uns leider der Störtebeker geschlagen geben. Der Wind dreht etwas und sie zieht mit Triple Header an uns vorbei.
In unseren Köpfen hören wir nur ein Motto:
„Am Ende kackt die Ente.“
Und so sollte es auch sein. Doch bis dahin stand noch einiges vor uns.
Die Zeit vergeht und wir starten ins Wachsystem. Vier Stunden on, vier Stunden off.
Neben der Zeit vergeht auch der Wind. Er kommt und geht und dreht auch mal. Für das Vordeck bedeutet das: Überstunden schuften.
Kurz vor Sonnenaufgang entscheiden wir uns, auf die Jib Top zu wechseln. Der Call fiel uns nicht leicht, denn es ist zu wenig Wind für die Jib Top, doch leider zu viel für den A0.
Also hoch damit.
Am Mast wird gezogen, bis sie oben ist, doch aus dem Cockpit kommen einfach nicht die zwei magischen Worte:
„Im Lock.“
Was ist denn da schon wieder los? Die Sonne ist gleich weg und ohne Lock können wir die Jib Top nicht segeln.
Kurz wird diskutiert, Lorenz überlegt, ob er hochgeht, doch Paula erkennt schnell die Lage:
Das ist ein Women Job!
Den Klettergurt hat sie schon an, Fall dran und ab in luftige Höhe.
Oben angekommen, die wichtigste Frage zuerst:
„Kannst du die Störtebeker noch sehen?“
Es schallt ein ernüchterndes „Nein“ zurück.
Also zurück zum eigentlichen Thema:
„Siehst du Wind?“
„Nein, aber ein Lock!“
Ach ja, deshalb war sie ja oben.
Einmal das Lock gut durchgespült, ging es wieder und nach mehrfachen Tests hat es funktioniert. Noch schnell ein paar Fotos und Videos für Instagram und schon kann Paula wieder runter.
Doch sie kommt nicht runter.
Unten sind Seb und Lorenz fleißig am Testen, ziehen die Jib Top hoch und wieder runter, bis sie irgendwann aus dem Top nur ein mürrisches „Muss ich dafür noch hier oben sein?“ hören.
Ach ja, da hängt ja noch jemand.
Schnell kommt Paula runter und die Jib Top kann gesetzt werden.
Doch ein Blick auf die Mastanzeigen verrät: Die Jib Top brauchen wir nicht mehr. Der Wind ist auf 6 Knoten gefallen, der A0 kommt hoch.
Doch es sollte nicht umsonst sein, wie sich noch zeigen wird.
Die Stunden vergehen, die Wachen wechseln.
Um 2 Uhr übernimmt Paulas Wache. Sie schaut sich einmal um und ist schnell entschlossen: Der A2 muss hoch.
Ein Blick durchs Cockpit und es wird klar: Die Chefetage ist im Träumeland.
Unter Deck findet sie schnell Lorenz beim Schlafen. Kurzerhand wird er geweckt und über die Situation informiert: Der A2 soll hoch.
Doch als Antwort erhält sie nur ein kurzes „Nein Paula, wir legen nicht auf Helgoland an“, gefolgt von sich wieder schließenden Augen.
Das war ernüchternd.
Also noch einmal geweckt, die Situation geschildert und die Antwort diesmal: „Dazu kann ich dir nichts sagen.“
Paula ist verwundert. Wer soll ihr denn sonst dazu etwas sagen können, wenn nicht unser Navigator?
Also wird ein Entschluss gefasst: Schluss mit der lieben Tour.
Nun weckt sie Lorenz ein drittes Mal, zerrt ihn aus der Koje und kommt mit ihm und dem A2 an Deck.
Einmal umgeschaut und da ist der A2 schon gesetzt und die rote Lady wieder eine rote Rakete.
Weitere 24 Stunden vergehen, in denen wir uns durch Flautenlöcher schieben, bis Skagen in Sichtweite kommt und damit auch der Wind.
Wachwechsel 12 Uhr: schönster Sonnenschein, flache See, 10 Knoten Wind.
Wachwechsel 16 Uhr: schönster Sonnenschein, raue See, 30 Knoten Wind.
Der Blick auf den TWA verrät: Das ist doch der perfekte Kurs für die Jib Top.
Ein Glück funktioniert das Lock, dann können wir sie jetzt endlich setzen.
Doch auf die Freude über das funktionierende Lock folgte schnell die Ernüchterung, als der Blick runter auf den TWS schweifte: 37 Knoten in der Spitze.
„Die Jib Top bleibt unter Deck“, hallt es aus der Navi-Luke.
Doch schnell fand sich die perfekte Segelkonfiguration und Skagen wurde immer größer.
Ein paar unruhige Mägen später - hoffentlich gab es Apfelkuchen zum Nachtisch - erreichten wir schon die Ostsee und die Gefahr war gebannt.
Vorbei an der russischen Schattenflotte ging es in Richtung Großer Belt.
Ein kurzer Plausch mit einem Öltanker, welcher mit den Worten „Wir segeln eine Regatta, wir können unsere Geschwindigkeit nicht verringern“ nahezu endete, später fanden wir schon die Pure in unserem Rückspiegel.
Wir wissen nicht, welche Wunderwaffe sie ausgepackt hatten, doch sie schien Wunder zu wirken.
Ein Wunder bekamen auch wir. Um einem Windloch auszuweichen, entschiede die Pure sich, dicht unter Land zu bleiben.
Ob das die richtige Taktik ist?
Fragende Blicke gingen auch an unseren Navigator, warum wir in ein Windloch segeln.
Doch diese verflogen schnell, als sich herausgestellt hat, dass wir nicht nur wissen, wie man unterwendet, sondern auch, wie man eine Wetterkarte liest.
So lag die Pure einige Zeit später wieder deutlich hinter uns.
Doch noch kein Ende des Katz-und-Maus-Spiels in Sicht. Mit der Wunderwaffe zog die Pure wieder ran, bis wir gemeinsam im Abstand von 20 Metern unter der Großen-Belt-Brücke durchgefahren sind.
Unter der Brücke durch, A3 ging hoch, die rote Rakete zog von dannen in Richtung Heimat.
Nur noch Langeland und dann sind wir schon zu Hause.
Kurzes Navi-Briefing von Lorenz und Paula stellte fest:
„Langeland ist gar nicht so lange Land.“
Nach dem aufregenden Wettkampf mit der Pure zog wieder Ruhe an Bord ein und eine Frage prägte die Crew:
Wo ist eigentlich die Störtebeker?
Ein Blick aufs AIS und eine WhatsApp an unseren Informanten auf der Störtebeker stellt sich heraus:
Langeland ist doch lange Land.
Denn die Störtebeker stand in einer nicht endenden Flaute.
Diese Neuigkeit verbreitete sich auf der Haspa Hamburg wie ein Lauffeuer.
Schnell war der Ehrgeiz geweckt, das Adrenalin zurück und die Rakete auf dem Weg nach Kiel.
Die Haspa Hamburg hat die Internationale Deutsche Meisterschaft im Hochseesegeln als bestes HVS-Schiff auf dem 6. Platz beendet.
Die Crew ist stolz auf die erbrachte Leistung und auf ihren Skipper Sebastian Pflitsch für diese Leistung bei seiner ersten Regatta als Skipper.
Dieser Bordbericht wurde nach bestem Wissen, Gewissen und Erinnerungsvermögen der Crew verfasst. Eventuelle Abweichungen von der Realität sind vermutlich auf Seegang, Schlafmangel oder taktische Verdrängung zurückzuführen.
05.06.2026

